Bravo Magazin: Jugendliche lesen lieber online

Ist die Bravo passé?

Was haben sich die Eltern das Schlafzimmer mit Bravo-Postern zugekleistern!
An der Decke die Bilder der Fußball-Weltmeister von 1974.
An der Wand Suzi Quatro, Smokie, Queen und Pink Floyd.
Auf der anderen Seite Eric Clapton, Peter Maffay, Abba und Santana.
Auf der Tür Kim Wilde in Lebensgröße.
Die Bravo war so was von top. Stand auch für das Aufbegehren
einer jungen Generation gegen alles, was alt und schimmelig ist.

Doch das ist Vergangenheit. Längst vorbei sind die Zeiten,
wo Jugendliche gespannt darauf warten, was das Bravo-Magazin über Musikstars,
Kinofilme und Sexthemen zu berichten hat.
Oder wie die Leser-Hitparade ausieht.

Noch kurz vor der Jahrtausendwende kaufen pro Woche eine Million
Heranwachsende zwischen 12 und 18 das Wunderwerk Bravo.
Doch je mehr Jugendliche sich ihre Infos online besorgen,
desto tiefer rutschen die Verkaufszahlen.

Bei YouTube, Brigitte, Promiflash, Neon und Mädchen.de können die Teens
sofort und kostenlos Neuigkeiten lesen, hören und sehen.
Die faszinierende Bravo-Welt, die sich in Jahrzehnten herangebildet hat,
bricht nach und nach fast vollständig zusammen.

 

Bravo-Magazin nicht mehr zeitgemäß –
Ursachen eines Abstiegs

Geburtenrückgang
Während 1965 in der alten BRD noch 2,5 Millionen Kinder auf die Welt kamen,
sind es im Jahr 2010 in Gesamtdeutschland nur noch 1,5 Millionen.
Es gibt einfach nicht mehr so viele Jugendliche, die eine Bravo kaufen könnten.
Also muss ein Jugend-Magazin zwangsläufig in einen Abwärtsstrudel gezogen
werden. Das ist aber nur eine Ursache. Vieles bei der Bravo ist hausgemacht.

Konkurrenz durch Online-Medien
Die Vorzeige-Zeitschrift des Bauer-Verlages hat sich viel zu lange
auf alten Lorbeeren ausgeruht. Wir sind wir. Was geht uns das Internet an?
Ein fataler Denkfehler, wie sich bald herausstellen sollte.

Erst relativ spät ging die Bravo online. Die Webseite wurde stiefmütterlich behandelt.
Vielleicht haben die Macher zu spät kapiert, dass man nicht nur durch den Verkauf
einer Jugendzeitschrift, sondern auch mit einer guten Homepage gutes Geld
verdienen kann. Durch den Verkauf aller möglichen Dinge,
die für junge Leute interessant sind:
Smartphones, Sportartikel oder Singlereisen zum Beispiel.

Um das Jahr 2006 herum haben sich die Verkaufszahlen noch ein letztes Mal
leicht erholt. Dann kamen der Boom der Singlebörsen, kostenlosen Flirtseiten
und Online-Spiele. Und vor allem die sozialen Netzwerke –
Facebook, Jappy, wer-kennt-wen, Badoo und Zoosk.
Neuerdings noch die Dating-Apps von Tinder und Lovoo.
Wer im Internet oder mit dem Smartphone chattet,
hat eben keine Zeit mehr zum Lesen der Bravo.

Diese Entwicklung geht immer weiter.
Heute sind es die Flirt-Apps, die unsere Jugend fesseln.
Wieder einmal hat die Bravo eine Entwicklung verschlafen.
Es gibt keine mobile Anwendung.

Wenn ein junger Mensch sich heute über Verhütungsmittel, Kusstechniken,
Liebeskummer, Flirttipps oder Beziehungsknatsch informieren will:
dann braucht er kein Jugendmagazin mehr. Er geht einfach online.
Und hat innerhalb weniger Sekunden mehr Infos als die Bravo je drucken könnte.

Inhalte der Bravo
In den 50er bis 70er Jahren trifft das Magazin stets den Nerv der Zeit:
Beiträge und Poster über Filmstars, Musikstars und Rockbands begeistern
die Jugendlichen. Auch die Aufforderung zum Revoltieren gegen eine steife,
verklemmt-verstaubte Gesellschaft sorgt für stark wachsende Verkaufszahlen.

Was damals gut und zugkräftig war, ist mittlerweile Schnee von gestern.
Natürlich gibt es auch heute noch typisch jugendliche Probleme:
Drogen, Alkohol, Zoff in der Schule, mit den Eltern oder dem Chef.
Allerdings leben die jungen Leute im 21. Jahrhundert freier als bis Anfang
der 70er Jahre. Wo es überall in Deutschland noch nach Mittelalter roch.
Scheinbar hat es die Bravo nicht verstanden, für die Leserschaft so interessant
zu bleiben wie zu Glanzzeiten eines Jimmy Hendrix, Mick Jagger und Bob Dylan.

Keine Vorbilder und Mega-Stars mehr
Das gibt zumindest der Chefredakteur als Erklärung an.
Idole waren seit jeher Zugpferde für das Bravo-Magazin:
James Dean, die Beatles und Abba.
Nena, Michael Jackson, die Bee Gees.
Bryan Adams, Take That und Madonna.
Diese Originale haben viele Jugend-Generationen verzaubert.

Ohne den Popmusikern und Bands unserer Tage zu nahe treten zu wollen:
Adele, Rihanna, Justin Bieber, Tokio Hotel, Lady Gaga und Sarah Connor
ziehen die Jugendlichen auch zu kreischenden Konzerten. Aber für wie lange?

Nach 3 oder 5 Jahren sind etliche Shooting-Stars ohne Charisma wieder vergessen.
Popstars sind austauschbar geworden.
Vielleicht nicht verwunderlich in unserer schnell-lebigen Zeit.
Diese Entwicklung begann schon Ende der 90er Jahren.
Die Publikumslieblinge Backstreet Boys, No Angels, DJ Bobo
und die irische Kelly Family waren schnell weg vom Fenster.

 

Hier gibt es weitere News und Tipps
für Jugendliche

 

Dr. Sommers Liebes-Aufklärung verliert an Niveau
Ende der 60er Jahre beginnt die Bravo, Aufklärungsarbeit zu leisten.
Nicht gerade wie Beate Uhse, aber dennoch sehr interessant.
Martin Goldstein (alias Dr. Sommer) beantwortet die Fragen jugendlicher Leser.
Im Fokus stehen Pubertät, erste sexuelle Erfahrungen, Eifersucht und Pille.
Selbstbefriedigung, Schwangerschaft und unglückliches Verliebtsein.
Dr. Sommer gibt engagierte Antworten.
Eine Beratung so gut wie es eben über eine Zeitschrift möglich ist.

Die Teenager wenden sich lieber an einen kompetenten fremden Berater,
als mit den Eltern über diese Themen zu sprechen.
Die damals größtenteils selbst noch zu verklemmt waren.
Dieses Konzept kommt gut an.
Die Verkaufszahlen der Bravo steigen Mitte der 70er Jahre auf über 1,5 Millionen.

Der gute Martin Goldstein würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er sieht,
was heute aus seiner Kummerecke geworden ist.
Teenager klären sich heute gegenseitig selbst auf (Clique, Freunde, Facebook).
Oder sie lesen online Erfahrungsberichte von anderen Jugendlichen.

Das Bravo-Magazin hat aus Kostengründen die Beantwortung
der Fragen bei Dr. Sommer automatisiert.
Es findet keine tiefgehende individuelle Beratung mehr statt.
Der Computer spuckt allgemeine Floskeln aus,
die den Ratsuchenden nicht weiter helfen.

Auch mit der Rubrik „Foto Lovestory“ geht es bergab.
Früher zeigte Dr. Sommer (und seine Nachfolger) Liebesgeschichten und Flirts
zwischen einem Mädchen und einem Jungen.
In anschaulichen Bildern wurde das Kennenlernen,
das Balzen und Küssen unterhaltsam demonstriert.

Heutzutage wirkt das Ganze wie ein Sexkino mit primitiven Sprüchen.
Hauptsache: nackte Haut und möglichst bescheuert.
Sagt das Girl: „Ich mag es, wenn du mir auf den Po klopfst“.
Oder der Boy beim Aufwachen:
„Na mein Großer. Bist du wieder vor mir wach geworden.
Die Schnecken gehen mir nachts nicht aus dem Kopf.“

Da wird ein Mädchen gezeigt, das ins Klo kotzt.
Eine andere hat Pupsprobleme.
Ein Typ hat beim Küssen Popcornreste im Mund.
Schwer vorzustellen, dass jemand diese armseeligen Bilder
und Sprüche in der Bravo lustig finden sollte.
Und wenn doch, dann wäre es noch viel trauriger!

 

Missratene Bravo-Flirttipps für Mädchen
Wie kann ich auf einen Jungen interessant wirken?
Um den Abwärtstrend zu stoppen, versucht die Bravo vor kurzem,
in der Online-Ausgabe ein paar Anmach- und Flirttipps zu geben.
Was dabei herauskommt, ist mehr als peinlich.
Um Sie zu amüsieren, würde ich gern einen Link setzen.
Aber die Bravo hat dieses Machwerk aus dem Netz entfernt.

Man könnte den Eindruck gewinnen, da schreiben immer noch die gleichen
Redakteure wie vor 40 oder 50 Jahren. Da wird ein Frauenbild gezeichnet,
das noch der schmollmündigen Marilyn Monroe entspricht.
Ein Mädchen hat sich gefälligst anzustrengen, um einem Typ zu gefallen.
Eine völlig abwegige Annahme für die emanzipierten Mädels unserer Tage.

Die Flirttipps der Bravo suggerieren:
das Wichtigste im Leben einer Frau ist die Partnersuche
und die Beziehung zu einem Mann. Ein weiblicher Teenager kann nur
durch Aussehen, Naivität und Sex-Appeal einen Typ für sich erobern.
Was sie im Kopf hat oder erzählt, spielt keine Rolle.
Wie in den 50er Jahren die Monroe oder Brigitte Bardot.

Ein Mädchen soll sich die Backen mit Rouge schminken.
Sie soll bestimmte Klamotten und erotisch wirkende Farben tragen.
Sie bekommt Tipps für Lippenstift, Parfum, für Frisur
und Komplimente. Sie soll ihren Schwarm versehentlich anrempeln.
Ihn devot und verzückt von unten her ansehen. Ihn provozieren,
indem sie mit Schneebällen oder Cola-Bechern nach ihm wirft.

Hat sie es endlich geschafft, mit einem Jungen ins Gespräch zu kommen:
dann soll das Mädchen dem Traumboy nur in’s rechte Augen sehen.
Ihn damit hypnotisieren und gefügig machen.

Das alles ist wertloser Quatsch.
Sogar die dümmste Leserin merkt schnell, was für einen Blödsinn die Bravo
da verzapft. Viele machen sich auf Twitter und Instagram lustig über den Mist.

 

Hier sind bessere Flirttpps für Jungs und Mädchen

 

Statistik der Bravo-Verkaufszahlen
Ein weiterer Grund für die Talfahrt ist die Misere der Printmedien allgemein.
Welcher Jugendliche liest heute noch ein Buch oder eine Zeitschrift.
Das gedruckte Wort ist auf dem absteigenden Ast.
Daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern.
Das Internet müsste schon zusammenbrechen.
Da hilft es nur wenig, dass sich das Bravo-Magazin neuerdings stärker
den digitalen Medien wie YouTube annähert.

So oft wurde die Bravo wöchentlich verkauft
1960              500.000
1979              1,8 Mio.
1995:             1,0 Mio.
2000:             750.000
2005:             500.000
2010:             500.000
2013:             250.000
2014:             teilweise nur 150.000
Ein unaufhaltsamer Abstieg. Vor allem nach dem Jahr 2010.

Rückgang anderer bekannter Zeitschriften zwischen 2013 und 2014
Die Magazine „Mädchen“ und „Popcorn“ beklagen ein Minus von 17 Prozent.
Computerbild, Der Spiegel. Focus, TV-Spielfilm, Sport Bild,
Neue Post, Brigitte, Bild- Zeitung und Gala:
Sie alle müssen allein in diesem einen Jahr Umsatzverluste
zwischen 2 und 25 Prozent hinnehmen.
Bravo und PC Welt verlieren in diesen 12 Monaten satte 40 Prozent der Leserschaft.
Nur ein paar Freizeitmagazine können das Niveau noch halten.

Fazit
Goldene Zeiten kann die Bravo – wenn überhaupt – dann nur noch online erleben.
Aber auch das ist schwer vorstellbar.
Denn in den 70er Jahren gab es gar keine Alternative zum Jugendmagazin.
Heute ist der Markt überfüllt von allen möglichen Online- und Offline-Angeboten,
die sich mit Promis, Musikstars, Charts und Liebesproblemen beschäftigen.

 

Lothar Mader

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