ARD-Film: Test-Dating mit Tinder

Hast du Tinder schon probiert?

Tinder im Test: eine junge Frau und 2 Männer finden heraus,
was es mit dem Dating per Handy auf sich hat.
Und ob man so einen Partner finden kann

Tinder heißt der neueste Schrei auf dem Dating-Markt.
Um zu testen, was hinter dieser Marke steckt, begibt sich die Single-Frau Nadja
im Auftrag der ARD auf eine einwöchige Flirt-Tour.

Sie will herausfinden, ob Tinder wirklich etwas taugt. Was man so alles erlebt.
Und welche Auswirkungen so ein Test-Dating auf die Persönlichkeit hat.
Dokumentiert wird das Ganze in einem Film, den die ARD ausstrahlt.

Neben Nadja kommen in diesem Artikel hier noch Paul und Martin
mit persönlichen Erlebnisberichten zu Wort.

Das Funktionsprinzip der Tinder-App ist einfach:
Zuerst wird die Anwendung auf das Smartphone heruntergeladen.
Über das Facebook-Profil werden persönliche Daten, Interessen und Bilder
in das Tinder-Profil übertragen. Dann kann es losgehen mit der Suche
nach Kontakten aus der näheren Umgebung.

Man betrachtet die vorgeschlagenen Fotos.
Wenn eine Visage attraktiv aussieht, dann signalisiert man dem Gegenüber
mit einem Wisch nach rechts sein Interesse.
Bei gegenseitigem Gefallen entsteht ein Match (= Übereinstimmung).
Man kann nun über die Chatfunktion von Tinder Kontakt aufnehmen.
Und herausfinden, ob man sich treffen möchte oder nicht.

Schon nach wenigen Tagen ist es dem ARD-Versuchskaninchen
Nadja gelungen, mehr als 100 Matches zu bekommen.
Sie hat sich die vorgeschlagenen Fotos angesehen.
Hat ausgewählt, welche Gesichter ihr gefallen.
Und diese auf dem Bildschirm kurzerhand nach rechts weggewischt.
Um ein Match zu bekommen, muss der andere nun ebenfalls sein Wohlgefallen
äußern. Da Nadja recht attraktiv aussieht, ist das überhaupt kein Problem.

 

Alternative Kontaktbörsen zum Chatten

 

Die testfreudige Single-Frau Nadja
Allein ist sie: das ist ihr Dilemma.
Allein schaut sie sich am Fernseher und im Kino Filme an.
Allein geht sie ins Bett. Allein verbringt sie das Wochenende.
Das kann nicht so weiter gehen, dachten sich ihre ARD-Kollegen
vom Norddeutschen Rundfunk.

Du machst jetzt für unsere TV-Anstalt mal einen Dating-Test.
Vielleicht findest du so endlich einen Kerl.
Ein authentisches Experiment: das wollen vor allem junge Leute sehen.
Das ist besser als die gekünstelten RTL-Sendungen „Bauer sucht Frau“,
„Bei Anruf Liebe“ oder „Adam sucht Eva“.

Was soll’s, denkt sich Nadja. Vielleicht haben sie ja recht.
Auf Singlesein hat sie echt keinen Bock mehr.
Sie ist knapp über 30. Es wird Zeit für eine feste Beziehung.

Es ist beschlossene Sache: sie wird versuchen,
über die Tinder-App Kontakte und Dates zu Männern herzustellen.
Der Kameramann der ARD wird sie dabei begleiten und filmen.
Mal sehen, ob den Typen das schmeckt.

 

Hier gibt es weitere News
zum Chatten

 

Nadja’s Dating-Erfahrungen mit Tinder

Arturo
Sehen wir uns mal an, was die junge Frau so erlebt hat. Los geht’s.
Nadja ist schon ganz kribbelig. Date Nummer 1 heißt Arturo.
Hört sich südländisch an, wie der Bayernspieler aus Chile: Arturo Vidal.
Ein feueriger Latin-Lover vielleicht?

Doch Mamma Mia, was ist das denn für eine Erscheinung?
Bin ich im falschen Film, denkt Nadja, als sie den Kerl zum ersten Mal erblickt.
Von wegen heißer Traumboy. Sie ist maßlos enttäuscht.

Frei von der Leber weg gibt der Kerl zu: Arturo ist sein Künstlername.
Eigentlich heißt er Benjamin. Fest binden will er sich nicht.
Aber gegen eine kleine Sexgeschichte hätte er nichts einzuwenden.
So schnell wie möglich serviert Naja den Arturo ab.
Der Bursche ist überhaupt nicht geknickt. No problem, baby!
Er tindert ja so unheimlich gern.
Benny genießt Singleleben und Betthopping so gut er kann.

Fabio
Die nächste Dating-Erfahrung heißt Fabio.
Der große Schweiger. Nicht Till, sondern Fabio.
Wenn er mal den Mund aufkriegt, dann nuschelt er irgendwas von Actionfilmen.
Und einem Fußballspiel, das er sich heute bei Sky ansehen will.
In kurzer Zeit zieht sich einen Schoppen nach dem anderen rein.
Prost, mein Freund und Goodbye.

Oh je, wieder ein Reinfall. Mein Tinder-Test läuft ja super,
denkt Nadja. Wenn ich nur solche Typen treffe …
Vielleicht ist es doch nicht so schlecht, Single zu sein?
Die ARD-Leute ermuntern sie: nicht aufgeben, Mädchen.
Der Richtige kommt schon noch. Fieberhaft wischt, liked und chattet Nadja weiter.
Vielleicht kommt der Traumprinz gleich um die Ecke.

Leon
Die nächste Nummer heißt Leon.
Er sieht auch aus wie ein Löwe. Muskeln ohne Ende.
Ein echter Fitnessfreak und Anabolika-Schlucker.
Nun ja, wenigstens ein richtiger Mann. Oder?

Denkste! Beim Treffen kommt Leon zuerst ein wenig schüchtern daher.
Sie muss ihm jedes Wort aus der Nase ziehen. Langsam taut er auf.
Und fängt an, von seinen Frauengeschichten zu erzählen.
Nadja möchte nicht die nächste in seiner Sammlung sein. Wieder nichts!

Joachim
Der vierte Kerl, den Nadja im Auftrag der ARD trifft, ist der Hundeliebhaber Joachim.
Klingt ein wenig altbacken.
Aber was soll’s? Er ist unterhaltsam, scheint Charme und Esprit zu haben.
Macht unserer Tinder-Lady nette Komplimente.
Joachim hat ein geschmackvolles Lokal ausgesucht.
Sie stellen fest, dass sie am gleichen Tag Geburtstag feiern.
Wenn das kein Wink des Schicksals ist!

Nadja bekommt feuchte Hände und glänzende Augen.
Doch auch hier ergibt sich bald ein ähnliches Bild wie bei Leon:
Joachim ist ein Spielertyp.
Er wäre nicht abgeneigt, Nadja seine Briefmarkensammlung zu zeigen.
Nimmt sogar das Wort „One-Night-Stand“ in den Mund.

Von einer festen Bindung hält Joachim genauso viel wie vom Arbeiten
Er lässt durchblicken: Mit so tollen Möglichkeiten beim Tinder-Dating
will er sich lieber noch nicht festlegen.
Wer weiß, ob er vielleicht bald seine Traumfrau woanders findet:
morgen oder übermorgen oder nächsten Woche …

 

Fazit des ARD-Films
Welche Erfahrungen kann Nadja nach dem einwöchigen Dating-Test
mit nach Hause nehmen?
Punkt 1: Tinder ist eine Illuison. Es scheint nur schwer möglich zu sein,
mit der App-Spielerei einen Menschen zu finden, er ernsthaft auf Partnersuche ist.
Ebenso wie Lovoo und Badoo, schafft Tinder einfach zu viele Gelegenheiten.

Auch die Qualität der Kontakte lässt zu wünschen übrig.
Die Dates verliefen oft stumpfsinnig bis öd.
Hat die junge Facebook-Generation verlernt oder gar nicht erst gelernt,
wie man Konversation macht?
Es hätte Nadja nicht gewundert, wenn einer mitten im Treffen angefangen hätte,
auf dem Handy-Bildschirm herumzuwischen.

Diese Art des Kennenlernens ist zu oberflächlich.
Das beginnt schon mit der Auswahl eines Date-Partners über die Foto-Bewertung.
Was für ein Schwachsinn, denkt Nadja.

Wenn es zu einem Treffen kommt, fällt es den Singles schwer,
sich für ein zweites Rendezvous zu entscheiden. Es fehlt die Bereitschaft,
sich näher und intensiv mit einem anderen Menschen zu beschäftigen.

Eine weitere Lehre, die das ARD-Mädchen aus diesem Dating-Abenteuer zieht:
Tindern hat in nur wenigen Tagen ihr Verhalten und ihre Einstellung verändert.
Schon nach ab dem dritten Tag konnte sie nicht mehr aufhören,
sich auf dem Handy immer wieder neue Bild-Vorschläge anzusehen.
Und diese positiv oder negativ zu beurteilen.

Abends vor dem Einschlafen und morgens beim Aufwachen hat sie ständig
daran denken müssen, was wohl der nächste Tag bringen wird.
Man könnte es als eine Art Mini-Sucht bezeichnen.
Zum Glück war dieses Experiment zeitlich begrenzt.
Nadjas Erfahrungen sind so schlecht, dass sie nicht Gefahr läuft,
an Tinderismus zu erkranken.

 

Paul’s Dating-Erfahrung mit Tinder
Ich habe mich online umgesehen.
Welche Erfahrungen verschiedene Singles mit der Dating-App gemacht haben.
Auch Paul hat sich vorgenommen, das Weltwunder Tinder
einem Test zu unterziehen. Diesmal ohne Film-Dokumentation.

Ein Bekannter hat Paul auf diese Idee gebracht.
Großmäulig hat er erzählt, mit wie vielen Frauen er Parallelkontakte hat.
Paul holt sich die Tinder-App aufs Samsung.
Er fängt an, Bilder nach rechts oder links zu befördern.
Da er ganz gut aussieht, hat er nach kurzer Zeit Dutzende Matches.
Frauen, die Interesse haben, ihn kennenzulernen.

Aber schon bald muss Paulchen Panther erkennen:
es ist nicht alles Gold, was glänzt.
Nur jede 2. Frau antwortet auf eine Chatnachricht – meist einsilbig.
Bei jeder vierten entwickelt sich so etwas wie ein echter Schreibkontakt.
Nur jede achte Lady (also ca. 12 Prozent) ist mit einem Date einverstanden.
Nun ja, immerhin 12 Prozent. Frauen ganz aus der Nähe.
So schlecht finde ich das nicht.

Aber auch Paul fühlt sich wie die ARD-Mitarbeiterin Nadja irgendwie
im falschen Film. Sein Fazit ist ziemlich ernüchternd.
Vor lauter Tindern, Kontakten und Dates verliert Paul bald den Überblick.
Eine Menge nichtssagender Informationen stürzen auf ihn ein.
Er verwechselt die Frauen. . Manchmal ist es peinlich,
wie er beim zweiten Treffen Marias Bindungsangst
oder Jennys Urlaubspläne fälschlicherweise Dany oder Nicole zuordnet.

„Zu mir oder zu dir“ scheint weniger ein Problem zu sein.
Paul ist überrascht, wie viele Frauen bereit sind,
mit ihm ein sexuelles Techtelmechtel anzufangen.
Ein Indiz dafür, wie sexuell frustriert viele Single-Frauen sind?
Tinder also doch nicht so schlecht?

Paul sagt: solange alles unverbindlich abläuft, sind die Damen
mit Begeisterung bei der Sache. Sobald er jedoch die Themen
Liebe und Beziehung anschneidet, weichen sie aus.

Noch frustrierender ist folgende Erfahrung:
Paul war nicht wirklich auf Partnersuche.
Wollte aus reiner Neugier Tinder nur mal testen.
Er hatte das Glück, auf freundliche, kommunikative Frauen zu treffen.
Man hatte ein paar nette Stunden zusammen.
Hat sich auf ein weiteres Rendezvous gefreut. Doch dann fällt in vielen Fällen
der Vorhang. Sendepause, kein Interesse mehr, Kontakt vorbei.

Tinder dreht sich immer weiter wie ein Hamsterrad. Zum Verweilen ist keine Zeit.
Das lässt den Schluss zu: App-Dating macht süchtig.
Unterm Strich hat man nur wenig Nutzen davon.
Außer dass man vielleicht hier oder da mal Sex hat.

Zurückblickend hält Paul das Tindering für ein Phänomen, das genau
zugeschnitten ist auf das Weltbild von Singles in Ballungsgebieten.
Jeder Mensch ist nur einer von Tausenden (Kontaktmöglichkeiten).
Massenware statt Individualität. Unverbindlichkeit statt Partnerschaft.

Nach Pauls Erfahrung ist Tinder ideal für smartphonebegeisterte Leute,
die eigentlich nichts Bestimmtes suchen. Oder die nicht wissen, was sie wollen.
Denen vielleicht auch eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung fehlt.
Auf keinen Fall sollte man sich – wie die Tinder-Macher es gern propagieren –
der Hoffnung hingeben: man könne hier mehr finden
als eine Affäre oder flüchtige Kontakte.

 

Tinder: ein Spiegelbild der Single-Gesellschaft
Ähnliche Erfahrungen wie das Mädchen von der ARD macht Martin.
Auch er gibt im Internet seine Tinder-Erfahrungen zum Besten.
Zwar hat er sich selbst nicht als Testobjekt zur Verfügung gestellt.
Aber er hat die Persönlichkeitsveränderung eines Kumpels beobachtet.

Bei einer Feier sitzt er am Tisch. Nebenan sitzt ein alter Freund.
Der wischt ständig nervös mit dem Daumen über seinen Handy-Bildschirm.
Kein Wort ist zu hören. Der Mann mit der Baseball-Mütze starrt nur aufs Display.
Ständig macht es piep. Der Kumpel blickt auf und sagt:
„Tinder, you know? Ist echt geil.“ Nein, Martin versteht nur Bahnhof.
„Mann, lebst du hinterm Mond? Das ist zeitgemäßes Dating.
Ich lerne jede Menge Puppen kennen.“

Ähnlich wie unser ARD-Mädchen muss Martin erkennen:
ein Handy ist nicht unbedingt kommunikationsförderlich.
Ein richtiges Gespräch unter Freunden sieht anders aus.
„Mann, ich habe eine heiße Braut an der Strippe. Yvonne heißt die Schnecke“.
Na, herzlichen Glückwunsch. Und jetzt?
„Hey Alter, ich werde sie treffen, ist doch logo.
Mal sehen, ob ich sie in die Horizontale bekomme“.

Aha, denkt Martin: Tinder-Dating müsste eigentlich Sex-Dating heißen.
Genau wie im ARD-Film von Nadja findet er es ziemlich komisch,
dass man einen Menschen nur nach seinem Aussehen beurteilt.
Und dass der Mensch wie ein Massenprodukt behandelt wird.
Einfach Wisch und weg in den Mülleimer.

Martin erinnert sich an die eigene Single-Zeit. Als er auf altmodische Art und Weise
abends ausging, um neue Menschen kennenzulernen.
Wie aufregend, aber auch schwierig es war, mit einer Frau anzubandeln.
Mit Tinder ist das alles kein Problem mehr.
Man schaut sich die Bilder an. Sagt Ja oder Nein.
Und schon bald hat man 10 Dates in Aussicht.
So wie sein Freund, der gleichzeitig mit 5 Mädchen chattet.

Doch irgendwie kommt das Tinder-Gehabe Martin nicht geheuer vor.
Was habe ich davon, wenn ich pro Tag 50 Matches habe?
Wie soll ich diese Personen jemals treffen? Geschweige denn richtig kennenlernen.
Diese fließbandartige Massenabfertigung geht ihm gegen den Strich.
Vielleicht ist er auch zu altmodisch.
Sein Freund ist eben ein moderner Single.

Wochen später trifft Martin den Kumpel auf der Straße wieder.
Fragt ihn nach dem Date mit Yvonne.
Der erinnert sich nicht mehr. Wie sollte er auch?
In der Zwischenzeit hat er schon weitere 50 Dates gehabt.
Ach ja, dann kommt doch noch etwas:
„Die ging mir ganz schön auf den Zeiger mit ihrem Liebesgesülze“.

Er sieht ganz schön gestresst aus. Hat Ringe unter den Augen.
„Du Alter, ich habe insgesamt mehr als 100 Tinder-Frauen gevögelt“.
Na, das ist doch schön für dich, Herzlichen Glückwunsch!

Sehr happy sieht der alte Schulkamerad allerdings nicht aus.
Könnte es sein, dass nicht nur die vielen Dates,
sondern auch die Bettgeschichten einen Menschen abstumpfen lassen?
Dass der Mensch beliebig austauschbar ist?
Genau so, wie viele Singles heutzutage eine Partner sehen.

Ein paar Frauenkontakte sind ja ganz schön.
Aber dieser ausufernde Massenkonsum hat nichts mehr zu tun
mit prickelndem Flirten und Nervenkitzel.
Nichts mit Hoffen und Bangen, Glücksgefühlen und Enttäuschungen.
So wie Martin es von seiner Junggesellenzeit her kennt.

Der Kumpel hat eindeutig ein Suchtproblem.
Er kann tindern und sexen so lange er will: er wird niemals zufrieden sein.
Und das Schlimme daran: er merkt überhaupt nicht, was mit ihm passiert.
Martin braucht die App gar nicht zu testen.
Ebenso wie Nadja oben im ARD-Film steht für ihn fest:
Tinder-Dating verändert nicht nur die Persönlichkeit.
Sondern kann sie sogar in gewissem Sinne zerstören.

Alles andere spielt keine Rolle mehr.
Sein Kumpel vernachlässigt seine sozialen Kontakte.
Geht zu keiner Geburstagsparty mehr.
Hat auch keine Zeit mehr, um mit Freunden um die Häuser zu ziehen.
In jeder freien Minute blickt er auf den Bildschirm.
Sein Daumen wird nicht müde, Bilder nach links oder nach rechts zu schieben.
Wenn das die moderne Single-Zeit sein soll:
dann gute Nacht Deutschland!

 

Lothar Mader

Schlagworte: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,